Enge tötet Liebe
Die belgische Gruppe Laika gastiert beim Theaterfestival „Schöne Aussicht“ mit dem Stück „Nipt“
20/05/2014 - Petra Bail - Esslinger Zeitung

Stuttgart – Ach ja, wenn man verliebt ist, kann man nicht eng genug kuscheln. Man kann sich nicht oft genug anfassen, streicheln, zärtlich sein. Bei jedem Körperkontakt werden massenhaft Glückshormone ausgeschüttet. So geht es auch dem Mann und der Frau: grosse Liebe, kleines Häuschen, viel Nähe. Und plötzlich ist alles anders. Die belgische Truppe Laika zeigte jetzt im Rahmen des vorm JES organisierten Internationalen und Baden-Württembergischen Theaterfestivals, was passiert, wenn es zu eng wird in einer Beziehung. Da Stück „Nipt“ ist für Kinder ab sechs, es kommt ohne Worte aus und es ist auf berührende Art komisch. Das liegt an den beiden Darstellern. Judith de Joode und Rutger Remkes zeigen fast zirzensisch, auf jeden Fall sehr körperbetont, was geschieht, wenn mann keinen Freiraum hat: Man muss sich verbiegen, und das geht nie gut. Das verstehen auch Erstklässler.
Der Mann und die Frau sind verliebt. Sie zieht bei ihm ein, obwohl er nur ein winzig kleines Häuschen hat. Aber das stört die beiden Turteltäubchen nicht. Auf der Bühne im Heusteigtheater, das für das Festival neben dem JES, Fitz und der Rampe bespielt wird, steht eine telefonzellengrosse Holzbox. In der unteren Etage wohnt der Mann. Die Tür ist nicht grösser al die Öffnung einer Hundehütte, die Decke so niedrig, dass die beiden nur tief gebeugt stehen können. Beim Kleiderausziehen und Aufstellen der Einrichtungsgegenstände verknoten sie sich so ineinander, dass sie ihm am Ende wie ein Äffchen auf dem Rücken hängt. Eine ziemlich sportliche Leistung in den engen vier Wänden und ein enormer Lacherfolg bei den jungen Zuschauern.

Freude und Enttäuschung
Natürlich ist es schwierig, den jeweiligen Neigungen nachzugehen, wenn man so dicht aufeinanderhängt. Sie ist Hobbygärterin und trimmt trällernd ihren Kaktus. Er ist Komponist, und sowohl ihr schiefes Summen als auch die Stacheln der Pflanze schmerzen ihn. Auch die Erwartungshaltung ist unterschiedlich. Anfangs fordert er sie auf, die Augen zu schliessen, um ihr ein Geschenk in die Hand zu legen. Sie spreizt die Finger in Erwartung eines Rings. Er legt ihr aber Bloss den Hausschlüssel hinein. Auch das sorgfältig verschnürte Päkchen, das sie ihm in die Hand drückt, entspricht nicht seinen Vorstellungen – die Mimik verrät’s. Es sieht aus wie eine Weinflasche, ist aber nur ihre Tonpuppe.
Somit handelt das Stück auch von Freude und Enttäuschung. Die Frustrationsgrenze ist schnell erreicht, da man sich nicht ausweichen kann. Das Pärchen streitet sich. Sie packt ihre sieben Sachen und geht. Wütend zieht sie in ihr eigenes Reich in die obere Etage. Die ist zwar genau so winzig, doch Platz ist in der kleinsten Hütte- für einen.
Nun haben beide zwar mehr Raum, aber glücklich sind sie nicht. Sie vermissen sich. Die Lösung ist die Luke. Zwischen beiden Etagen ist eine Falltür. Der Mann stellt eine Mini-Leiter an die Öffnung, und schon klappt es mit der Verbindung. Jeder hat seinen Bereich für Pflanzen und für Musik. Jeder kann seiner Neigung nachgehen und ist trotzdem nicht alleine.

Plädoyer für Toleranz
Damit ist das Stück ein kindgerechtes Plädoyer für Toleranz und Kompromissfähigkeit. Es gibt unterschiedliche Charaktere mit unterschiedlichen Eigenschaften und Vorlieben. Wer dem anderen zugesteht, sich frei zu entfalten, gewinnt auch seine Zuneigung. Denn Enge tötet Liebe.

Recensies
22/05/2014
Stuttgarter Nachrichten
20/05/2014
Esslinger Zeitung